Gedenkstunde im norwegischen Parlament, 1. August 2011

Letzte Aktualisierung: 02.08.2011 // Hier finden Sie die Reden von Parlamentspräsident Dag Terje Andersen (in deutscher Übersetzung) und Ministerpräsident Jens Stoltenberg (in englischer Übersetzung) anlässlich der Gedenkstunde im norwegischen Parlament am 1. August 2011.

Parlamentspräsident Dag Terje Andersen:

Eure Majestät, Eure Königliche Hoheit, liebe Anwesende.

Wir werden uns an den 22. Juli 2011 immer als einen dunklen Tag in der norwegischen Geschichte erinnern. Unser Land wurde vom Terror getroffen. 77 Menschen wurden getötet. Viele wurden lebensgefährlich oder schwer verletzt. Die Zeugnisse der Überlebenden sind herzergreifend.

Das was wir gemeinsam erlebt haben, ist noch immer nicht zu fassen.

Es war ein Angriff gegen unsere Demokratie, gegen unsere Werte und unsere Gemeinschaft. Eine ganze Nation fühlt Schmerz und Verlust. Die Welt um uns herum umarmt die Trauernden.

Auch einige der Abgeordneten des Storting waren auf Utøya. Und einige sind enge Angehörige.

Im Namen des gesamten Parlaments, des Storting, möchte ich allen, die von der Tragödie im Regierungsviertel und auf Utøya betroffen sind, mein tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Ohne den heldenhaften Einsatz derer, die sowohl in Oslo als auch bei Utøya vor Ort waren, hätte der Terror noch mehr Opfer fordern können.

Im Namen des Storting möchte ich auch einen großen Dank an die Polizei, die Menschen im Gesundheitswesen, die Feuerwehr, die freiwilligen Organisationen und Gemeinden richten. Ich möchte den Nachbarn und den Leuten auf dem Campingplatz in Utvika danken. Sie sind, ohne an ihre eigene Sicherheit zu denken in die Boote gestiegen und haben Jugendliche von Utøya in Sicherheit gebracht. Jungsozialisten zeigten selbst Heldenmut und retteten ihre Freunde.

Sie sind da gewesen als es am wichtigsten war. Sie haben viele Leben gerettet.

Dank gilt jedem einzelnen der Helden.

Ich möchte dem König und der Königin sowie dem Kronprinz und der Kronprinzessin den warmen Dank der Bevölkerung überbringen. Sie sind in der Trauer an unserer Seite gewesen. Als uns die Worte fehlten, haben Sie unsere Gedanken und Gefühle formuliert.

Ich weiß, dass das gesamte Storting und das ganze Volk hinter mir stehen, wenn ich besonders dem Ministerpräsidenten und seiner Regierung dafür danke, wie sie die Nation durch die kritischste Situation geführt haben, die wir in Friedenszeit erlebt haben. Das Regierungsviertel ist zerstört, aber die Führung des Landes ist nicht gebrochen.

Ich möchte auch meiner Dankbarkeit für den überparteilichen Zusammenhalt Ausdruck verleihen, den die Vorsitzenden aller Parteien gezeigt haben. Die Regierung und die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) waren das Ziel des Terrors. Sämtliche demokratischen Parteien fühlen sich getroffen.

Etwas das besonders internationale Aufmerksamkeit erregt hat, ist das Fehlen von Rachegedanken im norwegischen Volk. Wir wurden auf die Probe gestellt, aber wir haben durch unsere Handlungen gezeigt, was für eine Nation wir sein wollen.

Das gesamte norwegische Volk hat sich mobilisiert und steht über Generationen, politische Standpunkte und Religion hinweg zusammen.

In den Tagen nach der Katastrophe waren Hunderttausende auf den Straßen. Ein riesiges Kerzen- und Blumenmeer erstreckte sich über das Land. Ein unüberhörbares Ja für Zusammenhalt und Solidarität mit den Betroffenen und ein ergreifendes Nein zu Gewalt und Terror.

Niemand sollte unterschätzen, welche Kraft und welcher Wille hinter diesen Feierlichkeiten und Veranstaltungen stehen.

Ich fühle eine große Demut gegenüber dem Volk, das uns gewählt hat. Es ist ein Privileg, ein Volk zu führen, dass den richtigen Kurs wählt.

Gerade deshalb werden wir, auch wenn eine Nation große menschliche Verluste erlitten hat, an den demokratischen Prinzipien festhalten, auf denen unsere Gesellschaft fußt.

Es ist ganz natürlich Raserei gegenüber den Untaten zu verspüren. Aber auch wenn es uns etwas kostet, so wird unsere Antwort auf rechtstaatlichem Fundament gegründet sein. Wir müssen die Wut in Stärke verwandeln.

Der französische Philosoph Voltaire aus dem 18. Jahrhundert sagte zu einem seiner Meinungsgegner: Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich werde Ihr Recht darauf, diese zu äußern bis zuletzt verteidigen.

Es muss Platz für starke und andere Meinungen geben. Auch aufrüttelnde Meinungen. Standpunkte die weiter gehen, müssen mit Gegenargumenten konfrontiert und bekämpft werden, nicht mit Zensur.

Aber es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, extremen Äußerungen entgegenzuwirken, die zu Handlungen führen, die andere Menschen kränken oder verletzen. Solche Handlungen müssen mit den Prinzipien des Rechtsstaats verfolgt werden.

Wenn uns Hass gegen Menschen begegnet, die anders sind, muss unsere Antwort sein, dass wir die Vielfalt fördern. Wir sollten keine Angst haben vor denen, die etwas anderes glauben als wir, sondern vor denen, die anders Denkende hassen.

Wir sind mit Recht stolz auf unsere offene und sichere Gesellschaft und es ist natürlich für die Bevölkerung, ihre Politiker von Angesicht zu Angesicht im Alltag auf den Straßen und Plätzen zu treffen. Der Terror darf nicht zu einem größeren Abstand zwischen den Wählern und den Gewählten führen. Der direkte Kontakt zwischen dem Volk und den Volksvertretern ist grundlegend für unsere repräsentative Demokratie. So wollen wir es auch weiterhin haben. So werden wir es auch weiterhin haben. Das Volk soll geführt werden von jenen, die dem Volk dienen.

Einen starken Eindruck hat in den letzten Tagen die Botschaft der jungen Überlebenden hinterlassen. Die Botschaft, dass der Terror nicht zu Hass führen darf, sondern zu mehr Liebe. Nicht zu Angst, sondern zu Engagement. Nicht zu Furcht, sondern zur Teilnahme.

Wir sind viele, die sich die Worte der Jugendlichen zu eigen gemacht haben. Jetzt müssen wir gemeinsam die Verantwortung dafür übernehmen, dass aus den Worten Taten werden.

Vieles ist bereits passiert. Das Volk ist auf die Straßen geströmt und hat gemeinsam demonstriert. Hat Blumen, Kerzen und Kinderzeichnungen niedergelegt. Priester und Imam standen Seite an Seite.

Die Jugendorganisationen aller Parteien erleben, dass viele Mitglieder werden und teilnehmen wollen.

Die Demokratie hat sich als stark und entschlossen erwiesen, als es am meisten darauf ankam. Die Wahl ist das wichtigste Mittel der Demokratie. Egal für wen das Volk stimmt, wichtig ist, dass es wählen will, auch bei der Wahl im Herbst.

Demokratie bauen, heißt, Gemeinschaft bauen. Dies ist eine Aufgabe für uns alle. Indem wir dabei sind beim Fußballclub der Kinder, bei der freiwilligen Arbeit in der Nachbarschaft, indem wir uns um die kümmern, die es schwer haben, anstatt sie zu stigmatisieren. Wir können alle darüber nachdenken, wie wir als Einzelpersonen zu wachsendem Verständnis und Respekt füreinander beitragen können.

Positive Änderungen sind schwer zu erreichen, wenn wir meinen, dass es nur die Anderen sind, die sich ändern sollten. Vielleicht sollten wir bei dieser Gelegenheit damit anfangen, uns Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken, ob es etwas gibt, das ich ändern sollte, um zu mehr Verständnis zwischen den Menschen beizutragen.

Vielleicht sollten auch wir als politisch Gewählte in uns gehen und über unsere eigene Rolle nachdenken. Demokratie setzt voraus, dass man um Meinungen ringt und frische Debatten hat. Wir brauchen klare Meinungen. Aber gibt es Situationen, wo wir den Anderen wider besseres Wissen falsch verstehen. Wo wir ihn im schlechtesten Sinne auslegen. Oder wo wir uns verführen lassen, Dinge zu kommentieren, ohne zu prüfen, was sie oder er wirklich gesagt hat?

Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, welche Worte wir benutzen. Geben wir immer darauf Acht, dass wir uns so ausdrücken, dass alle sich als Teil der norwegischen Gesellschaft fühlen, dass alle Teil des großen Wir sind?

Halldis Moren Vesaas sagte im Jahr 1945: Heute sagen wir; Es heißt nicht länger Ich – nicht mehr. Hiernach heißt es Wir.

Eure Majestät, Eure Königliche Hoheit, liebe Anwesende.

Schwere Tage liegen hinter uns. Viele schwere Tage liegen vor uns. In den Monaten und Jahren, die vor uns liegen, müssen wir den Angehörigen weiter Anteilnahme und Fürsorge zeigen. Wir werden unsere Demokratie weiterentwickeln.

Das norwegische Volk hat eiskalte Taten mit einer Haltung voller Herzenswärme beantwortet.

Ein Satz hat sich in unser nationales Bewusstsein eingebrannt. Auf seiner Reise um den Erdball hat er der Welt das Beste unserer Jugend gezeigt. Verpflichten wir uns gemeinsam darauf, die Botschaft des AUF-Mädchens Helle Gannestad in die Tat umzusetzen:

Wenn ein Mann soviel Hass erschaffen kann, stell Dir vor, wie viel Liebe wir gemeinsam erschaffen können.

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Ministerpräsident Jens Stoltenberg:

Your Majesty,
Your Royal Highness,
Mr President,

The Norwegian people were put to the ultimate test on 22 July.
The map was torn apart.
The compass shot to pieces.
Each and every one of us had to find our way through a landscape of shock, fear and devastation.

It could have gone very badly.
We could have got lost.

But the Norwegian people found their way.
Out of darkness and uncertainty, home to Norway.

Today I want to express my appreciation for this.

We are still a country in mourning.
We are burying our dead from Utøya and the government offices.

Parents are sitting by hospital beds.
Many are weeping.
Hearts are bleeding.
We will continue to comfort those who mourn.
Take care of those who are struggling.
Honour the dead.

But now it is also time to say thank you.

I would like to thank His Majesty The King, His Royal Highness The Crown Prince and the whole of the Royal Family for the warmth and compassion they have shown.

I would like to thank the Storting for its willingness and ability to stand together at a time when the nation needed unity.

There are many more who deserve our thanks.
The police.
The fire and rescue services.
Health personnel.
The armed forces.
The civil defence.
The Norwegian Church and other religious and belief communities.

Voluntary organisations.
Volunteers who provided invaluable help in the government office complex and on Utøya
Employees in the affected ministries.
The staff of Sundvolden Hotel.
All those around the Tyrifjorden lake who took resolute action.

Many of them put their own lives at risk.

On Sunday 21 August, we will pay tribute to their courage at a national memorial for all those who were directly affected and all those who have helped.

I would also like to express my gratitude for kind words and condolences from all over the world.
For letters, flowers, messages of support on Facebook and other social media.
We have felt that we are not alone. This has given us strength.

But my warmest thanks go to the Norwegian people.

Who took responsibility when it was most needed.
Who retained their human dignity.
Who chose democracy.

And the foremost amongst them are the young people.
The Labour Youth League came under fire.
But a whole generation has mobilised in sorrowful protest.

The 22 July generation are our heroes, our hope.

This means that we can look to the future with renewed confidence in our fundamental values.
And with the hope that the commitment to decent dialogue and greater tolerance will continue to grow.

This time of mourning has made many of us stop and think about our own standpoints.
Reflect on our thoughts and words.
In hindsight – after the tragedy of 22 July – we may well realise that we should sometimes have expressed ourselves differently.
And we will choose our words more carefully in the future.

But I would ask people not to start a witch hunt, not to go looking for things that should not have been said.

We have shown extraordinary solidarity during this surreal period. Now we must continue to meet each other with good will.
We can all learn something from this tragedy.
We may all need to say, “I was wrong”, and we should all be met with respect.

This is equally true in everyday conversations and in the public debate.

It applies to politicians and editors.
It applies in the canteen at work and on the Internet.
It applies to us all.

As politicians, we promise that we will take the spirit of 22 July with us when we start up normal political activities once again.

We will show the same wisdom and respect as the Norwegian people have done.

With freedom of speech as our weapon, and in the best traditions of this chamber, we will ensure that human dignity and security win over fear and hatred.

We owe this to the Norwegian people.

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